Dienstag, 3. Oktober 2017

Neurodidaktik und was wir fürs Lernen aus ihr mitnehmen können

Als Mediendidaktikerin bediene ich mich regelmäßig unterschiedlicher Hilfswissenschaften. Oder anders gesagt: Ich hole mir das Beste aus den unterschiedlichen benachbarten Wissenschaftszweigen: den Bildungswissenschaften, den Fachdidaktiken, der Psychologie, der Lernweltforschung als Untergattung und natürlich auch der Neurodidaktik. Natürlich? Naja, Lernen hat was mit dem Gehirn zu tun, also liegt die Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen nahe. Klar, oder? Was aber können wir übernehmen? Welche Bereiche tangieren uns Lehrende? Welche Erkenntnisse sind zentral? Wie können wir die Erkenntnisse zielführend in unsere Lehre einbauen? Weil ich diese Fragen nicht beantworten kann, kamen mir Vortrag (Lernst du noch oder verstehst du schon? Der Weg des Wissens ins Gehirn in digitalen Zeiten) und Workshop (Warum man Kompetenz nicht googeln kann - die Rolle von Lehrenden in digitalen Lernszenarien. Eine gehirngerechte Perspektive) im Zuge des Follow Ups zum Tag der Lehre an der FH Kärnten ganz recht. Dr. Henning Beck war als Vortragender geladen und da ich seine Bücher (Irren ist nützlich oder Hirnrissig) teilweise kenne, versprach ich mir sehr viel vom Nachmittag in Villach.

Quelle: Pixabay (CC0)
Der Vortrag begann vielversprechend und ich versuche ihn hier auch wiederzugeben - mit einiger Distanz allerdings und somit kann ich leider nicht mehr sagen, was von mir und was vom Vortragenden. Man möge es mir verzeihen. Der Inhalt in aller Kürze: Daten und Informationen lassen sich googeln, Wissen jedoch nicht. Deswegen ist das Wissen auch so schwer überprüfbar. Ja, das macht Sinn, dachte ich mir. Auch in Zukunft werden wir unser Gehirn zum Denken brauchen – ganz analog. In unserem Gehirn werden Informationen in Denkkonzepte umgewandelt, wir speichern Dinge in Mustern ab und setzen sie zu anderen in Relation. Wir gehen dabei nicht von Schritt A zu Schritt B und dann zu Schritt C. Wir können Schritte auch auslassen: Wenn wir einen Apfel sehen, gehen wir eine Beziehung zu ihm ein. Jede/r hat ein eigenes Konzept davon oder dazu. Das ist categorized thinking. Wir lernen auch in Konzepten und Kategorien. Man denke an einen Stuhl (oder österreichisch: Sessel). Wir nennen Stuhl eine Sache, auf der man sitzen kann. Ein Stuhl muss aber nicht unbedingt eine Lehne und vier Beine haben. Hier können wir durchaus kreativ sein.

Das Gehirn funktioniert nicht nach Algorithmen, der Computer aber schon. Wenn man keine Fehler macht, kommt man immer nur an das Ziel, für das man programmiert ist. Computer sind heute gleich dumm wie früher, sie sind es heute nur schneller, meint Henning Beck dazu. Das ist Intelligenz, ihr fehlt aber die Kreativität. Wir müssen auch neue Wege gehen können. Wir gestalten die Welt, indem wir mit ihr in Beziehung treten, hierfür muss man aber auch Fehler machen dürfen. Ein feiner Unterschied dabei: Wir können lernen und verlernen. Wenn wir etwas verstanden haben, können wir aber nicht ent-verstehen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Wenn man die gleichen Daten hat, kann die Information eine andere sein. Es hängt von der Kontextualisierung und somit auch der Beziehung ab. Ein Beispiel gefällig? Man nehme die beiden Smileys :( und :) Sie unterscheiden sich in 50% ihrer Daten, die Information ist aber eine ganz andere. Wenn wir lernen, erkennen wir keine Daten, sondern Konzepte. Und dabei ist es wichtig, dass wir das große Ganze erkennen. Hier spielt wiederum das Warum eine Rolle.

Von besonderer Wichtigkeit für das Lernen dabei, so Beck, ist die Pause. Wir lernen im Schlaf oder in den Pausen – den Leerläufen jedenfalls, vor denen wir eigentlich irgendwie Angst haben. In dieser Zeit werden die Muster in unserem Gehirn angepasst. Je besser ich den Reiz verarbeite und in einen Kontext einbette, desto besser lerne ich (vielleicht wäre ‚nachhaltig‘ hier das richtigere Wort). Man sollte einen Schritt zurück treten und die Daten verdauen. Man sollte das Umfeld variieren und die vielen Sinne nutzen, um das Konzept zu erkennen. Deshalb gibt es auch keine Lerntypen. Alle Sinne spielen eine Rolle, je mehr Sinne angesprochen werden, desto besser. Und am besten ist es, wenn wir ein Problem lösen, indem wir Fragen stellen. Durch Fragenstellen erhalten wir einen besseren Zugang zum Thema. Spaced Learning statt Massive Learning sollte am Programm stehen. Wir lieben es, blockweise zu lernen (Down and Deliver). Wir sollten beim Lernen aber das Übertragen auf andere Kontexte mitdenken und auch üben oder forcieren.

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Und noch ein schöner Satz von Henning Beck: Wir können Menschen nicht motivieren, sie aber demotivieren. Wir sollten den Nutzen des Lernprozesses herausstellen und nicht belohnen. Eine reine Belohnung führt dazu, dass der emotionale Bezug fehlt. Zum Lernen braucht man aber positive und negative Emotionen. Stress (um die Belohnung zu erhalten) wirkt hemmend, Dopamin hingegen förderlich. Fehler können förderlich und hinderlich sein, je nachdem, wie ich als Lehrperson oder die Community mit ihnen umgeht. Sind Fehler gut oder schlecht? Das ist die alte Frage nach der Fehlerkultur. Wir brauchen eine neue eben solche.

Ich gehe mal aus Sicht der Sprachlehrenden an die Sache ran.
  • Sanktion: Wenn wir Fehler immer sanktionieren, verlieren die Lerner/innen Freude an der Sprache und am Lernen. Sie trauen sich nicht mehr, zu experimentieren oder Schema-F zu verlassen. Sie sollten aber – gerade in der Sprache – ermutigt werden, Neues und Kreatives auszuprobieren.
  • Wichtiges individuell bestimmen lassen! Die Schüler/innen fassen die zehn wichtigsten Punkte einer Stunde zusammen. Wir Lehrpersonen erkennen dann auch, wie unterschiedlich wir wahrgenommen werden und wo wir eventuell einen Schwerpunkt gelegt haben.
  • Induktion vs. Deduktion im Lernen! Grammatikregeln werden aus der Sprachverwendung abgeleitet und nicht fernab jedes Kontextes gelernt.
Quelle: YouTube
  • Warum mache ich das? Diese Frage hilft beim Lernen. Eine Freundin im Ausland? Ein möglicher Beruf? Ein gutes Buch? Ein YouTube-Star? Die Gründe, sich mit einer Sprache zu beschäftigen, können ganz unterschiedlich sein.
  • Wissen zählt! Informationen sind viel zu leicht verfügbar. Man kann alles googeln; ein Umstand, der die Kostbarkeit des Wissens untergräbt. Wir sollten hier die Dinge vom anderen Ende her denken, Wissen auf Augenhöhe vermitteln. Auftrag: Schreibe einen Schummelzettel für den anderen. Was ist wichtig? Ich muss die Information zuerst verdauen (und verstehen), um etwas erklären und das Wichtige vom Unwichtigen trennen zu können.
  • Kinder spielen nicht, um zu gewinnen. Nur wir Erwachsene spielen wegen des Erfolgs. Spielen sollte zum Erfahrungsgewinn beitragen. Lassen wir Kinder und Lerner/innen in Geschichten aufgehen. Storytelling ist das Schlagwort.
  • Habt Mut zur Muße! Wir schicken unsere Gedanken auf Wanderschaft und sehen das Ganze aus einer anderen Perspektive. Dabei kann auch ein Leerlauf das Ziel sein. Nur so können wir Informationen verdauen, kontextualisieren und in Wissen umwandeln.
  • Erkennt den Sinn! Den Sinn zu erkennen, kann uns dabei helfen, den Kontext abzustecken.
  • Fehler helfen uns beim Lernen! Aus perfekter Kommunikation Können wir nicht lernen, weil wir nicht reagieren müssen. Wir spulen nur ein Programm ab. Mit Verstehen hat das nicht viel zu tun, vielmehr beten wir auswendig Gelerntes fernab eines Kontexts herunter. Wir müssen aber neue Muster knüpfen und neue Konzepte entwickeln. So funktioniert Sprache, so funktioniert Lernen. Für das Vokabellernen heißt das, dass wir die Sprache aktiv anwenden müssen. Das Vokabellernen alleine hilft uns nichts, weil sowohl Kontext als auch Sinn fehlen.
Soweit der Vortrag, der so einige Aha-Erlebnisse mit sich brachte. Nichts wirklich Neues, aber doch so einiges ausformuliert, was man sich immer schon dachte.

Der Workshop aber blieb hinter den Erwartungen. Zum einen schon mal, weil die Folien eine einzige Urheberrechtsverletzung waren. Somit ist es unmöglich, die Folien zum Nachschauen zu bekommen, was natürlich für den Blick auf das Ganze schon mal wenig förderlich ist. Jetzt, wo ich mir retrospektiv ein Bild machen könnte….

Zum anderen – und vor allem – aber, weil mich schon der Eröffnungssatz störte: Digitales Lernen sei Distanzlernen. Es gäbe einen Medienbruch statt einer Interaktion beim digitalen Lernen. Nun gut, das ist ja irgendwie noch nachvollziehbar. Wie sollen Webinare gestaltet werden? Die Frage hätte auch von mir kommen können, kam sie aber nicht. Die Antwort: Webinare sind didaktisch schlecht. Ich hüte mich ja vor derart pauschalen Antworten. Vielleicht spricht der Vortragende aus seiner eigenen Erfahrung, hier aber auf die Gesamtheit ALLER Webinare zu schließen, ist falsch. So. Wichtig ist, dass man beim Lernen gehirngerechte Lernwelten erstellt. Wir denken in Mustern und Zusammenhängen – nicht in Zahlen oder Buchstaben. Wir reihen Bildern aneinander und entwickeln Geschichten. Nicht die Werkzeuge aber bestimmen die Lösung, wie es der Vortragende so knapp formulierte. Es ist meine Aufgabe als Lehrperson, Geschichten zu erfinden und zu erzählen. Ich soll unterschiedliche Kontexte anbieten (können), um aus unterschiedlichen Perspektiven an ein Problem herantreten zu können: Probleme zerteilen – mehr Angriffsfläche bieten. Das sollte die Devise sein. Vielleicht ist Microlearning hier ein Schlagwort. Vielleicht passen die eLectures der Virtuellen Pädagogischen Hochschule hier ins Konzept. Oder aber auch das Coffee Cup Learning. Gerade diese beiden Formate sind aber eben eLearning. Sie sind eben Webinare.

Quelle: Pixabay (CC0)

Für unser Lernen gilt, dass wir Wissen über Geschichten abspeichern und als Konzept ablegen. Eine mögliche Kleinteiligkeit hilft beim Anknüpfen. Wir sollten ein Bild im Kopf erzeugen und aus unseren Fehlern lernen. Wir scheitern sozusagen voran – ein Bild des Vortragenden, das mir gut gefällt. Wichtig ist dabei, als Lerner/in und als Lehrer/in Fragen richtig stellen zu können, ein Rätsel zu kreieren und das Lernen auch zu invertieren. Fehlervermeidung ist dabei ein falscher Zugang oder Ansatz. Wir sollten zu unseren Fehlern stehen (Das ist die Fehler. Ja, das ist der Fehler.) und aus ihnen lernen. Vielfach wird beim Lernen, egal ob an Schulen oder Hochschulen, jedoch eher ein Vermeidungsverhalten wegen möglicher (schlechter) Noten an den Tag gelegt. Dabei sollten wir unsere Lerner/innen zuerst fordern (explorativ) und dann fördern. Soziale Anerkennung treibt den Menschen am meisten an, nicht die Noten. Unsere Aufgabe ist es, bis zu einem gewissen Grad, die Neugier aufrechtzuerhalten und eben nicht zu demotivieren. Wiederholung und Überraschung oder auch die Neuartigkeit eines Kontexts helfen beim Lernen und Verarbeiten. Vermitteln oder Probleme lösen? Beides! Wir sollen Geschichten oder Anekdoten erzählen statt Fakten beten – ja, oder auch hier beide Wege gehen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Wie wäre es, wenn die Schüler/innen ein Skript für die anderen bzw. die Lehrenden erstellen dürfen? Denken wir an divergentes und konvergentes Lernen – neue Wege, neue Perspektiven, neue Lösungen. Individualität und Kreativität sollen möglich und vor allem erlaubt sein. Und dabei sind auch wir Lehrende wichtig. Denn: Begeisterung steckt beim Lernen an. Darum geht's. Die besten Lehrer/innen leben ihr Fach und sind selbst begeistert. Sie strahlen Begeisterung aus, die eben ansteckt.

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